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Maremma Frühlingssonne
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Für Chiara, die geduldige Stimme aus dem Navigationssystem, beginnt nun erst richtig die Arbeit, gleichwohl ihre Stimme gewohnt souverän klingt, scheint sie heimlich in ihrem kleinen Kästchen über der nicht immer so aktuellen Strassenkarte zu grübeln. So biegen wir mal hier, mal dort in kreisverkehrenden Straßen ein, die es gar nicht gibt und wenden gleichmütig den Wagen wieder. Inzwischen haben wir gelernt, dass Widerrede, Fluchen und auf das Kästchen schlagen eher zwecklos ist. Im Gegenzug ist unsere Navigatorin nicht nachtragend und schafft es irgendwie uns in die Nähe von Castiglione della Pescaia zu lotsen. Der Bestimmungsort unserer Osterreise. Vorbei an endlosen Pinien und Pappel Aleen, Olivenhainen und saftig grünen Wiesen geht es nun schnurgerade durch flaches Maremma-Land im Hinterhof der Toskana, garniert mit pausbäckigen Wattewolken am Himmel.

Prile Tiefebene Lange Reihen von Olivenplantagen fliegen links und rechts an uns vorbei bis einem vom Hinsehen schwindlig wird. Man kommt sich vor wie auf einem schnellen Motorboot, das über Meerwogen der Düfte, blühender Bäume und Sträucher auf und ab und hin und her gleitet.


Jedenfalls ist nach einer weiteren halben Stunde Schluß. Castiglione della Pescaia markiert das Ende der Strasse durch das Etruskerland, das wir eben noch durchquerten und wo das anfängt was man das Tirrenische Meer (Tyrrhenische Meer ) nennt. "...arrivati." meint Chiara emotionslos, wie immer, doch wir sind überwältigt. Eine Stadt, schöner könnte man sie nicht malen. Landseitig eingezingelt von einer prächtig bunten Landschaft und meerseitig umspült von etwas frech schäumenden Mittelmeerwogen.

 
Belustigt von Eingeborenen beäugt, wenden wir umständlich unseren Wagen, um nun zu den Details überzugehen: unserer Unterkunft.

Chiara scheint schon Feierabend zu machen und gibt keine brauchbare Rückmeldung über das neue Ziel. Wir versuchen es also auf eigene Faust. Dabei lernen wir sehr ausgiebig und unfreiwillig die ganze Umgebung kennen.
Die Sonne sucht bereits an den sanften mit Korkeichen bewaldeten Hügelketten einen Schlafplatz, da werden wir von unserer Wirtin, geduldig am Strassenrand wartend, gestoppt, rechtzeitig bevor wir ein weiteres Mal an der von uns gesuchten Herberge vorbeifahren.

Freundlich winkend und wohlwollend nickend, leitet sie uns auf das gebuchte Refugium, Agriturismo Prile. Die italienische Variante von Urlaub-auf-dem-Bauernhof sozusagen. Sehr nett.

 

 

 

 

 


Wer ein taubes Ohr für hyperaktive Tiere und landwirtschaftliche Geräusche am Morgen hat, wird hier ein nettes und komfortables Ambiente zum preiswerten Angebot finden. 45€ pro Doppelzimmer mit Bad und Nacht, ist (in der Niedrigsaison) ein guter Preis, finden wir.

 

 

 

 

 


Überhaupt sind Land und Leute hier in der Prile Ebene sehr zugänglich, entspannt und weit weg vom Turbokapitalismus. Museen und Schnellstrassen sind gratis und man nimmt sich auch Zeit für ein Schwätzchen mit Ausländern. Sogar in der nächsten Großstadt Grosseto zeigt man sich aufmerksam und interessiert bei Begehren nach Auskunft und Hintergrundinformation. Hiesige Verkehrsteilnehmer nehmen einem Navigationsirrtümer im Stadtverkehr nicht übel und drohen weder mit Faust noch mit Mittelfinger.

Geschickt wird man als Hindernis inmitten einer Kreuzung umschifft und erntet höchstens mal ein Achselzucken. Sympathisch, dieses Grosseto.

Auf diese Weise hat man Zeit sich während der Fahrt eingehend mit der komplett erhaltenen und wehrhaften Stadtmauer aus dem 16. Jhdt zu befassen. So umrundet man gemütlich den alten Stadtkern und findet auch gleich einen freien (0,70 € / h) Parkplatz. Vertretbar.

Innerhalb der Stadtmauern muss man die Digicam gleich gar nicht absetzen. Hier kämpft altes Gemäuer um den besten Platz im Sucher Ihres Fotoapparates. Selbst Camera-tossing (Kamera hochwerfen) würde hier was Brauchbares ablichten. Unübersehrbar ist der Dom von Grosseto und die daneben stehende Statue von Leopold(o) II. Jener nämlicher (ein Österreicher), der die Prile Ebene "bonifizierte", also den antike "Lago Prile" trocken gelegt und urbar machte.

 


Das alles wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, sondern erst als wir von einem etwas zerzaust wirkenden älteren Herren in eine Tür gewunken wurden. Als ahnungslose Touristen fanden wir uns kurz darauf in der kühlen Sachlichkeit eines Museum wieder und direkt neben diesen älteren Herren mit leichter Chiantifahne. Bald stellt sich heraus, dass der Herr ein profunder Kenner der hiesigen Geschichte und Angestellter des Museums ist. So spendiert er uns einfach so, aus Lust und Laune, eine kostenlose Führung und ein Buch über Grosseto. Na, wenn das nicht lieb ist.
Er segelt uns mit Worten in die Welt der frühen Etrusker und wie alles begann. Wir lauschen interessiert und staunen über 4000 Jahre alte Vasen und Schmuck, die es hier hinter Vitrinen im Original und zu Hauf gibt.

Noch benommen von den ganzen Informationen werden wir freundlich und geschickt auf 39 weitere Schauräume verwiesen, die wir artig alle besuchen und das alles, wie gesagt, kostenlos. Hier ist Geschichte, Kultur und Kunst, wie die Luft, noch für alle da. Respekt.

Nun bewusst über die geschichtsschwangere Landschaft, über die wir hier wandeln dürfen, lassen wir es uns nicht nehmen, jene Dörfer in den Wolken zu besuchen, welche sich im Halbkreis um diese prächtige Ebene auf hohen grünen Hügeln aufreihen.

 Zielort: "Vetulonia" ist gleich eingetippt und Chiara tut so als ob sie schon mal dort gewesen wäre. So dauert es keine 15 Minuten bis wir uns auf einer kühn ansteigenden Bergstrasse wiederfinden, gesäumt von der üblichen "macchia toscana". Es geht kurvig und ohne Umschweife steil nach oben, vorbei an uralten römischen Steinruinen, die noch immer aus der braunroten Erde zu wachsen scheinen.
Das sind jene schmalen engen und steil abfallenden Strassen, wo immer ein Bus entgegen kommen muß. Doch diesmal sind wir schneller und stellen unseren Wagen neben den geparkten und knallgelben Schulbus auf den einzigen waagerechten Parkplatz Vetulonias.

Es geht zu Fuß weiter, hinauf bis dorthin wo ein mittelalterlicher Turm eine träge und fette Wolke am Himmel streift. Mit einem Mal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Oder besser: die Zeit hat es nicht bis hier nach oben geschafft. Wir schlendern durch lebendiges Mittelalter, obwohl hier - entgegen unseren Erwartungen - auch auffallend viele junge Menschen leben.
Die Aussicht auf die Prile Ebene, das Meer und die umliegenden Dörfer ist schlicht weg atemberaubend. Wir ernten freundliches Kopfnicken auf unsere Versuche Kontakt aufzunehmen, doch unsere Anwesenheit scheint hier jeder wie die Schatten vorüberziehender Wolken wahrzunehmen. Verständlich.
Artig besuchen wir einige der vielen kleinen Sehenswürdigkeiten des Dörfleins, z.B. einen hübsch mit Huflatich überwucherten Grundriss einer augenscheinlich ehemals recht geräumigen römischen Villa.
Darüberhinaus wird Vetulonia im größeren Umkreis von einer Reihe von antiken Ruinen gesäumt und ein nicht unbeträchtlicher Teil der Fundstücke im Museum zu Grosseto stammt von hier. Beeindruckend.

 

 

 


Nicht minder jüngeren Datums scheint auch der knallgelbe Schulbus zu sein, der mit seinem abenteuerlichen Geknatter die luftige Bergstille und das Summen unzähliger geschäftiger Fliegen auf den Wiesenblumen durchbricht. Das Getöse erinnert uns daran, unser Auto wiederzufinden. So gehen wir dem Lärm entgegen und retten dabei einer schwangeren Katze, die uns als potentielle Mitfahrgelegenheit ins Ausland erkennen wollte, vom antiken Schulbus platt gefahren zu werden.
So finden wir uns alsbald (sicher hinter dem Bus und ohne Katze) auf steiler Abwärtsfahrt wieder.

"Schnellste Route nach Siena" kann viel bedeuten, wenn man sich noch inmitten der Maremma befindet und dichte Hügelketten der Toskana vor sich hat. Es wäre auch ungerecht Chiara jetzt deswegen Vorwürfe zu machen, schließlich denkt sie als Navigationsgerät ja nur flach.

Was auf der elektronischen Karte recht logisch und diagonal aussieht, erweist sich in der Praxis als wilde Achterbahn auf hoher See. So können wir nicht anders als nach 1,5 Stunden ewigem auf und ab und wilden Haarnadelkurven über malerischer Landschaft kreidebleich und seekrank in Massa Marittima anzuhalten.

Eine zufällige, aber glückliche Fügung, wie sich schnell herausstellt. Ein prächtiges Städtchen aus dem Mittelalter hoch oben auf einem Hügel gebaut, gut befestigt und fesch herausgeputzt. Seine engen Steinpflaster Gässchen spenden angenehmes Klima und man vergisst schnell das 21. Jhdt.

Fast jede Ecke hat eine lange Geschichte und man kann sich höhenmeterweise durch endlose Epitaphe emporlesen. Ganz oben, wie könnte es anders sein, befindet sich die Festung der Stadt mit eingebautem erstklassigen Panoramablick auf die roten Dächer der Stadt und auf die restliche Maremma.
Diese Stadt ist ein perfektes Tourenziel und die richtige Belohung für jeden Motorrad Ritter, ehrgeizigen Mountainbiker und sportlichen Freizeitrallyisten mit Kulturanspruch.

Unser Rundgang schließt nach einem Besuch des schlichten aber überzeugenden Doms im lauschigen Vorplatz der Kirche zum heiligen Franziskus. Ein guter Ort zum schonen der von der ständigen Steigung arg beanspruchten Knie. Wir beobachten eine Gruppe junger Franzosen im High-Tech Mountainbike Dress und entdecken von der Neugierde getrieben, dass die angrenzenden Gemäuer eine mietbare Herberge bereitstellen, zu 20€ pro Nacht und Person. Schlichte Ausstattung, aber interessant.

Fazit:
Die Toskana ist immer eine Reise wert. Wer gut und gerne längere Fahrten in Kauf nimmt, darf sich ruhig auch mal tiefer in diese Region vorwagen und bis in die Maremma vorstoßen. Fernab der sonst so bekannten Ziele wie Lucca, Siena, Florenz oder San Gimignano. Man wird mit meist gutem Wetter, atemberaubend schöner Landschaft, kernigen Menschen, guten und echten Spezialitäten zum Schlemmen und gelebter Geschichte belohnt werden. Egal, wo man in diese Region eintaucht, man entdeckt viel Sehenswertes. Probieren Sie mal selbst.
 


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